Kwaku-Online - Der offizielle Blog von Andreas Schlüter

Literarisch und Kulturelles

Kampf der Kulturen oder eine verrückte Diskussion?

Flaggen brennen, Botschaften, Konsulate, Kultureinrichtungen und andere Gebäude ebenso, und militante Demonstranten sind erschossen worden. Im Westen wird das Gefühl diskutiert, das heiligste Gut der Demokratie, Presse- und Meinungsfreiheit wären bedroht und eine erwartete iranische Atombombe würde den islamischen Versuch begleiten, uns sagen zu wollen, wie wir zu denken und zu leben hätten. Wahr, albern oder gefährlich?

Mit kühlem Kopf ergeben sich andere Schlüsse, als “Sicherheits-Konferenzen“, Talkshows oder Interviews mit “Terror- und Islam-Experten“ uns glauben lassen möchten. Was ist der wirkliche “heilige Zweck“ der Pressefreiheit, die gar nicht hoch genug zu veranschlagen ist? Zumindest seit dem Ende des Kalten Krieges ist ganz sicher das Hauptproblem der Menschen im Westen keine äußere Bedrohung, aber auch schon vorher war die Pressefreiheit immer das geforderte Mittel gegen die Bedrohung, die von den Mächtigen der eigenen Gesellschaft ausgeht. Dabei haben auch Karikaturen immer eine wichtige Rolle gespielt.

Die Freiheit, auch “giftige“ Karikaturen zu veröffentlichen, kann kein Mittel der Auseinandersetzung mit fremden Gesellschaften oder eigentlich machtlosen Minderheiten der eigenen Gesellschaft sein. Die betreffenden Karikaturen der rechtspopulistischen dänischen Zeitung hatten eher Ähnlichkeit zu Karikaturen des “Stürmers“ unseliger Nazi-Zeiten!

Tatsächlich muss man sich fragen, wie die Reaktion ausgesehen hätte, wenn es sich um derartige Darstellungen gehandelt hätte, die mit religiösen Symbolen des Judentums gespielt hätten, ähnliche Karikaturen zu christlicher Symbolik haben schon öfter vor den Kadi geführt.

Leider muss man aber auch noch den Verdacht hegen, es sei von Anfang an gar nicht um Pressefreiheit sondern eine Provokation mit berechenbarem Ausgang gegangen.

Erinnern wir uns an die Zeit vor Osthoff, Karikaturen und der letzten Entführung, das “alte Europa“ und nicht nur das redete intensiv über den desolaten Zustand des “Anti-Terror-Krieges“, Guantanamo und die vermuteten Geheim-Gefängnisse und amerikanische Entführungen. Hatten die amerikanischen Geheimdienste nicht schon vor dem Irakkrieg beträchtliche Mittel für die “Pressearbeit“ in Europa zur Verfügung gestellt bekommen?

Jetzt geistern in Europa die Bilder von fanatischem Mob und wilden Bartträgern durch Medien und Köpfe. Wenn so Dramatisches passiert, lohnt oft die alte Kriminalisten-Frage “wem nützt es?“. In diesem Falle scheint sie doch recht leicht zu beantworten zu sein. Die jüngsten Ereignisse haben die Diskussion deutlich verlagert.

Man muss wirklich kein Amerika-Feind sein, nur ein wenig Bewusstsein von Arroganz und Skrupellosigkeit der Macht, insbesondere der derzeitigen amerikanischen “Elite“ haben, um den unguten Verdacht zu hegen, da hätte jemand dran gedreht. Die Europäer hatten so sehr das “Maul“ aufgerissen, dass sie es “bitter nötig hatten, mal eins drauf zu kriegen“, am besten von wildgewordenen Fanatikern, damit sie begriffen, wie gefährlich die sind. Könnten da nicht ein paar Dollar bei Journalisten nachgeholfen haben, mal so richtig witzig zu sein?

Und wenn man schon bei so merkwürdigen Gedanken ist, hatte nicht auch die Osthoff-Entführung so manche kleine Merkwürdigkeit? Jedenfalls beschäftigte sie die deutschen Medien und lenkte doch gut von dem Gefasel über den unschuldigen Al Masri ab. Sie ist ja auch glimpflich abgegangen, was allerdings unabdingbar zu so einem Szenario gehört, denn alles könnte irgendwann einmal ans Licht kommen! Ich wage die Prognose, dass auch die Entführung der beiden deutschen Ingenieure glimpflich abgehen wird.

Ich glaube, es ist an der Zeit, die viel beschworene “Wertegemeinschaft“ mit der derzeitigen amerikanischen Regierung ernsthaft in Frage zu stellen. Übrigens war auch, als so etwas hier sicher niemand getan hätte, die “Lichtgestalt“ J. F. Kennedy als Präsident verantwortlich für mehrere Mordversuche an Castro. Man sollte nicht immer davor zurückschrecken zu denken. Das täte uns auch in der Frage des Iran sehr gut.

Keine Frage, Ahmadineschad ist ein populistischer Schwachkopf, der nicht davor zurückschreckt, den Holocaust zu leugnen, aber im Hintergrund halten so strenggläubige wie politisch rationale Kleriker die Fäden in der Hand. Und die wissen, dass ein Angriff mit Nuklearwaffen auf ein anderes Land durch den Iran dessen Vernichtung zur Folge hätte. Es geht ganz offenbar darum, dem Iran die Option auf Atomwaffen offenzuhalten, um den Iran nicht durch den Westen erpressbar zu machen. Und dann geht es auch dort darum, die Massen hinter der Führung gegen ein Feindbild zusammen zu schweißen.

Und bei diesem Ansinnen, das sich insbesondere gegen den Zulauf zur säkularen und libertinären Jugendkultur im Iran richtet, geht der Westen dem Mullah-Regime dann auch wieder mit offenkundiger Doppelzüngigkeit zur Hand.

Israel befindet sich bereits mit über zweihundert atomaren Sprengköpfen in der Nuklearklasse von England und Frankreich, was in der westlichen Welt geflissentlich totgeschwiegen wird. Das Pakistan die Atombombe gerne haben durfte, um die größte Demokratie der Welt, Indien, zu quälen, weil sie den USA kritisch gegenüberstand, ist auch nicht zu bestreiten.

Bislang hat kein ernst zu nehmendes islamisches Regime die furchtbare Tatsache des Holocaust bestritten. Das dies jetzt in so erschreckender wie kindischer Weise geschieht, gibt zwar Anlass zur Sorge und wirft ein bedenkliches Licht auf den intellektuellen wie moralischen Zustand des Schwadroneurs, enthüllt aber auch die katastrophalen Folgen der amerikanischen Dressur Israels zum politisch amoralischen Kolonialrüpel der Region.

Wenn der Westen vom Existenzrecht des palästinensischen Volkes nicht wirklich etwas wissen will, jeden Druck von der israelischen Politik nimmt, endlich zur einzig vernünftigen Lösung des Nahost-Konflikts, der Umwandlung von Gazastreifen und dem Westjordanland einschließlich Ost-Jerusalems in den Palästinenserstaat, zu kommen, dann ist leider die kindische Reaktion in Teilen der islamischen Welt, das Existenzrecht Israels und nun auch das unsägliche Leiden des jüdischen Volkes durch die Deutschen zu leugnen.

Wir verschließen die Augen davor, dass erhebliche Teile des politischen Establishments Israels von Likud bis Arbeiterpartei weiter den rechts-zionistischen Plan verfolgen, die Westbank ganz oder in erheblichen Teilen Erez-Israel einzuverleiben. Amerika hat de facto immer dazu ermutigt. Den Preis dafür zahlen die Palästinenser, die normalen israelischen Bürger und die Menschen in den westlichen Ländern durch anhaltende Terrorgefahr.

Die widerlichste Waffe der Mächtigen ist die Macht, die Wahrheit ungestraft zu verdrehen. Israel ist von Amerika zum Thermometer im Gesäß der arabischen Welt gemacht worden, aber nicht nur der arabischen, sondern der Welt insgesamt! Hier kann das Amerika der Mächtigen zeigen, dass man schier unbegrenzt und ungestraft die Wahrheit verdrehen kann.

Im Falle des damaligen südafrikanischen Apartheit-Regimes war man im Westen oft heuchlerisch und hat fleißig weiter gekauft, verkauft und kollaboriert, aber man mußte sich wenigstens in den letzten Jahren an gewisse Minimalstandards der `political correctness´ halten, die israelische Palästina-Politik hat viel Ähnlichkeit mit der damaligen südafrikanischen Politik – nicht zuletzt war Israels Kontakt mit dem Apartheit-Regime eng und intensiv – aber hier ist die Welt nicht fähig, Amerikas Definitions-Hoheit ernsthaft zu brechen, im Wesentlichen aus Feigheit!

Tatsache ist jedenfalls, dass die Bush-Administration die Konfrontation will, sie glaubt vom Kampf der Kulturen profitieren zu können, indem er den Menschen Angst macht. Als die Menschen im Westen noch Angst vorm Kommunismus hatten, waren sie durch den Hegemon leicht zu führen. Man muss bezweifeln, dass Amerikas Rechnung hinsichtlich einer Kontrolle über die nahöstlichen Ölquellen im Irakkrieg aufgegangen ist, wenn es denn um die eigene Kontrolle ging. Für Amerikas immer noch wichtigsten ökonomischen Konkurrenten, Europa, das viel abhängiger vom nahöstlichen Öl ist, ist die Ölversorgung unsicherer geworden, und mit einer Eskalation im Streit mit dem Iran würde sie noch unsicherer werden.

Europa sollte aufwachen und die lange Liste von Beschlüssen der UN-Vollversammlung wieder ernst nehmen und wenigstens seine eigenen Interessen wichtiger nehmen als die von Bush und Cheyny. Amerika wird nicht in Europa einmarschieren, wenn wir uns die Wahrheit nicht von Bush und Blair definieren lassen, noch nicht!

 

 

Geschrieben nach dem Karikaturen-Skandal

 

                                                                       Andreas Schlüter 

1 Kommentar 25.4.08 16:46, kommentieren

Eiszeit

Mit unwohlem Gefühl betraten Mutter und Vater das Sprechzimmer, in dem man ergründen wollte, warum der Sohn keine Gymnasial-Empfehlung von seiner Grundschullehrerin erhalten hatte.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Eltern ihren Kindern mehr Fähigkeiten zutrauen, als diese vielleicht besitzen. Dennoch, gut konnte sich der Vater nicht nur daran erinnern, wie der Sohn mit zehn oder elf Monaten auf dem ausgelegten Bettlaken gesessen hatte und, zu faul zum Krabbeln, mit hoheitsvollem Gesicht das Laken mit den begehrten Spielsachen zu sich heranzog! Ja, hatte nicht einer seiner eigenen Professoren in einer Prüfung zu ihm gesagt: “Sie sind intelligent, aber faul!“. Verhängnisvollerweise hatte er es allerdings zu sehr als Kompliment aufgefaßt. So war sein Studium etwas lang und kompliziert geraten, wenn auch zu einem guten Ende gelangt.
Auch hatte der Vater sich daran erinnert, wie der vielleicht Achtjährige ihn eines Morgens im Badezimmer mit dem Ausspruch begrüßt hatte: “Daddy, was ich dich schon immer fragen wollte: warum bin ich ich?“. Einige Zeit hatte er sich genommen, seinem Sohn zu erklären, dass dies eine der schwierigsten Fragen menschlichen Denkens und eine der Grundfragen der Philosophie sei!
Nein, mit dieser Empfehlung für Haupt- und Realschule konnte man sich nicht arrangieren! Auch dann nicht, wenn der Sohn von seinem Vater die Möglichkeit zur Faulheit geerbt hatte. Und die Zeit, da der Sohn nach recht problemlosem Durchlauf des Gymnasiums in der zwölften Klasse nach der Trennung der Eltern ernste Schwierigkeiten bekam, lag noch in weiter Zukunft.
Ja, mit seiner ersten Grundschullehrerin hätte man sehr vertrauensvoll sprechen können, aber diese herzerwärmende junge Frau hatte ihr zweites Kind bekommen und das Pult einer anderen jungen Kollegin überlassen.
Der saß man nun gegenüber und drehte sich mit ihr im Kreise. Oder war sie in der Position eines Arztes, der Gott gleich, seinem Patienten das vernichtende Urteil unterbreitet? Man hatte für sein Kind keinen Anspruch auf eine Gymnasialempfehlung, wollte man sich in den Geruch von Leuten bringen, die nur nach Prestige trachteten? Diese Frage stellte die Lehrerin nicht, aber sie hing in der Luft.
Hin und her ging es und mancher verstohlene Blick war zwischen Mutter und Vater gewechselt worden, die beklemmde Frage austauschend: “hat es irgendeinen Zweck?“.
Zum Glück wußte man, es ging nur um eine Empfehlung, der man letztenendes folgen konnte oder nicht. Man würde ohne die Lehrerin nachdenken müssen!
Hier würde man keine Klärung erreichen, aber man hätte sie gerne gehabt! Dann aber kam sie!
Man war dabei, sich innerlich von dieser Auseinandersetzung zurückzuziehen, da setzte die junge Frau ein merkwürdiges Engelslächeln auf:
“Und bitte denken Sie nicht, es hätte etwas mit der Hautfarbe Ihres Sohnes zu tun“, sagte sie und die Augen im dunklen Gesicht der Mutter weiteten sich, während sich die Augen im nur mäßig von Sonne gebräunten Gesicht des Vaters zu Sehschlitzen eines Panzers verengten, beide jedoch blickten durch einen Eispanzer, so dick wie Grönlandeis, aber so klar und durchsichtig, dass jeder kleine Flecken auf der blassen Haut der Lehrerin sichtbar war.
Dann fuhr sie fort: “nein, ganz und gar nicht, ich habe eine Putzfrau aus Ghana!“.
Ich hoffe, dass mein Sohn nie wieder solchen Menschen ausgeliefert sein wird!

16.4.08 16:39, kommentieren