Kwaku-Online - Der offizielle Blog von Andreas Schlüter

Afrika im Zerrspiegel - Podiumsdiskussion zur Veranstaltungsreihe “Die Wahrheit der Zeitzeugen“ zum

Wir haben nun eine Reihe von Tagen über das unselige Buch “Feuerherz“ mit seinen Unwahrheiten und Verdrehungen, über seine “Autorin“, ihre Motive und die ihres Verlags und die skandalöse Verfilmung dieses Machwerks sowie über den noch skandalöseren Umstand gesprochen, das der Film auf der Berlinale gezeigt wird. Der Film ist u. a. mit Steuermitteln finanziert worden und die Berlinale ist eine hochoffizielle Angelegenheit. Das erzwingt die Frage, warum wird in den Medien und in der Gesellschaft so schamlos mit der Wahrheit umgegangen?
Warum nehmen es die Politiker nicht auf sich, das Wort zu erheben und – bei aller Achtung der medialen Freiheit – ihrerseits gegen diesen Skandal zu protestieren? Man sollte meinen, dass eine ausgewiesene Wahrheitsverdrehung dieser Art schließlich auf die deutsche Gesellschaft zurückfällt, siehe Steuermittel, ja, es gibt sogar auf der Website des Bundesaußenministeriums einen Link zu einer wohlwollenden Besprechung des Films. Warum wird die schamlose Wahrheitsverdrehung toleriert und gefördert, anstatt zum öffentlichen Skandal zu werden?
Welche Interessen stehen hinter dieser Entwicklung?
Ich meine damit nicht die Interessen der “Autorin“ und des Verlags, nicht die Interessen der Produktionsfirma des Films und des Regisseurs, die sind klar, Geld und eine zweifelhafte Berühmtheit. Allerdings fühlen sie sich offenbar ziemlich sicher, schätzen die gesellschaftliche Situation so ein, dass sie mit dem nach meiner Auffassung kriminellen Schwindel davonkommen. Sie fühlen sich sicher in einer medialen Mainstream-Bewegung, die von vielen Seiten gesponsert wird.
Hin und wieder wurde es bereits angesprochen, das, was hier passiert, ist keineswegs neu, die Verdrehung der Wahrheit zum Thema Afrika ist alt, sehr alt. Wir werden feststellen, dass Geschichte sich manchmal doch wiederholt, in diesem Falle fast klassisch als Farce. Das aber macht die Sache nicht weniger gefährlich.

 

Wir sollten in diesem Zusammenhang ein paar weitere Fragen stellen:
1) Warum wird es als selbstverständlich akzeptiert, dass deutsche Soldaten im Kongo herum stapfen, oder überhaupt europäische Soldaten?
Ist das nicht so, als würden dt. Soldaten als Ordnungsmacht in Polen auftreten?
2) Warum gibt es echte Kindersoldaten in Afrika? Und Warlord-Unwesen und mit Heckler & Koch-Gewehren bewaffnetes Banditentum?
3) Warum gibt es ein Amerikanisches Militärisches Oberkommando für Afrika? Warum ist es akzeptabel, dass Frankreich ggf. im Chad eingreift?
4) Nyerere hat einmal für Tansania entschieden, dass die gar nicht so raren Bodenschätze des Landes Tansania erst gefördert werden, wenn technologisch gewährleistet ist, dass Tansania die ganze Verarbeitungskette selbst managen kann. Leider hält sich heute in Tansania niemand mehr daran. Aber zu Afrika steht das Thema Bodenschätze weiter oben auf der Agenda.
5) Wo gibt es besonders viel Uran, Kupfer, Coltan (Tantal) für Handys und Computer, Gold und Diamanten? Und wo gibt es besonders viele echte Kindersoldaten?
6) Das erste Land Afrikas, das einen Schlüsselrohstoff für Europa hatte, war der Kongo. Acht bis zehn Millionen Menschen fielen dem Leopold´schen “Privatkolonialismus“ zum Opfer. Warum wird das mediale Urbild des Rassismus´ heute ausgemacht von deutschen und europäischen Verbrechen an den Juden und von Tötungsverbrechen zwischen Hutus und Tutsis? Das sind furchtbare Verbrechen, aber der eigentliche Rassismus besteht in den Verbrechen, die offen oder versteckt mit äußerlich deutlich sichtbaren rassischen Unterschieden gerechtfertigt werden oder besser als gerechtfertigt gefühlt werden. Die anderen Verbrechen kann man unter Chauvinismus, Nationalismus, religiösen oder sozialen Fanatismus rechnen. Schlimm und furchtbar genug, aber Rassismus muss eine klare Kategorie bleiben.
Zurück zum Kongo: Joseph Conrad schrieb über die Situation im Kongo aus seiner Sicht, “Das Herz der Finsternis“. Er stellte letztendlich die europäischen Gräuel tendenziell als Anpassung an die afrikanische barbarische Umgebung dar.
7) Was wollen viele Menschen auch hier? Gerechtigkeit! Wenn es zu ihrem eigenen Nachteil ist, etwas weniger vehement. Je mehr man profitiert, desto weniger Skrupel hat man.
8) Vom Imperialismus profitieren die Wirtschaftsmächtigen in erster Linie. Da können sie aber auch dem eigenen Volk gegenüber ein wenig generöser sein, von Cecil Rhodes in frappierender Offenheit beschrieben. Aber auch gerade junge Menschen in den imperialistischen Ländern wollen Gerechtigkeit für andere. Was muss man machen, um sie von Protesten gegen imperiale Ungerechtigkeit abzubringen?
Man muss die Aktionen der Ungerechtigkeit als Förderung der Gerechtigkeit ausgeben.  Man muss die Eingriffsmentalität fördern. Man muss Unklarheit über die Ursachen von Leid schaffen und man muss dafür sorgen, dass die Situation als nicht aus den betroffenen Gesellschaften selbst heraus behebbar erscheinen.
Und wenn es gewaltsamen Widerstand gegen den Imperialismus gibt? Da muss man dafür sorgen, dass in den westlichen Gesellschaften kein Unterschied zwischen legitimen Befreiungsbewegungen und Warlord-Unwesen und Banditentum möglich ist. Am Besten macht man das rückwirkend für die Geschichte, also auch für die eritreische Geschichte, deren Befreiungsbewegungen besonders unabhängig von äußerer Unterstützung waren.
9) Was setzt man also gegen klare Bilder vom Imperialismus? Individuelle Leidensgeschichten, Friede-Freude-Eierkuchen-Geschichten von Quasi-kolonialen Szenarien, “Jenseits von Afrika“ in unendlichen Versionen ist en vogue.
10) “Feuerherz“ als “Versöhnung“ zwischen dem sexuellen Rassismus der weißen Machos in ihrer Quasi-Beschützer-Rolle dem schwarzen Mädchen gegenüber und auf der anderen Seite der wütenden Empörung westlicher Feministinnen, die man erfolgreich von den eigenen Zuständen auf Afrika umgelenkt hat.
11) Kehrt die Vergangenheit zurück? Wir, die wir uns mit Afrika intensiv und solidarisch beschäftigt haben, sei es dass wir von dort stammen oder sei es, dass wir auf andere Art an den Kontinent und seine Menschen gebunden sind, wissen, was Kolonialismus war, wissen was Neokolonialismus war und ist.
Vor mehreren Jahrzehnten kam mir einmal ein furchtbarer Gedanke. Ich war mir bewusst, wie sehr der Ost-West-Gegensatz geholfen hatte, die Unabhängigkeit vieler afrikanischer Länder zu erringen, die Zahl der Opfer dieses Kampfes nicht ins Uferlose wachsen zu lassen. Mir war klar, wie begrenzt die technischen Machtmittel der jungen Staaten waren, wenn es zu Auseinandersetzungen mit den imperialistischen Ländern käme. Und dann der Gedanke, was wäre, wenn der Gegensatz einmal aufhörte? Ich will nichts beschönigen, der Ost-West-Konflikt hat die Menschheit in der Nähe des atomaren Holocaust gehalten, er hatte fraglos viele Gefahren, aber ich erlaubte mir, ihn aus der afrikanischen Perspektive zu betrachten. Ja, wenn er aufhörte, könnten dann die Kolonialisten womöglich zurückkommen?
Ja, wir wissen, der alte Ost-West-Gegensatz hat aufgehört, was die USA allerdings nicht davon abhält, die Nuklearwaffenentwicklung, die Entwicklung von “Massenvernichtungswaffen“ weiter voran zu treiben und ihre “Neo Cons“ in den berühmten “Think Tanks“ vom eigenen Ersteinsatz dieser Waffen schwadronieren zu lassen. Der Gegensatz ist in seiner klassischen Weise beendet, aber die USA sind als Militärmacht nicht kleiner geworden, ihre europäischen Hilfstruppen auch nicht. Die Frage, die mich damals so furchtbar erschreckte, sie ist aktueller denn je!
Der Westen hat erfolgreich die nationalen Visionäre Afrikas ausgeschaltet oder zur Seite gedrängt. Er hat erfolgreich die politische Kultur des Kontinents vergiftet und zerstört.
Siehe John Perkins, “Weltmacht ohne Skrupel“!
Der Westen hat den Kontinent mit Waffen aus seiner Produktion überschwemmt. Aber halt stopp? Da haben wir ja Waffen, oder nicht?
So war es schon vor hundertfünfzig Jahren, Waffen wurden nach Afrika verkauft, gegen die die Imperialisten zehnmal bessere Waffen hatten! Und die Waffen wurden an die verkauft, denen man am ehesten zutraute, ihre Landsleute zu verraten, an ihrer Versklavung mit zu wirken und als Werkzeuge zu dienen.
Und so ist es heute: Die großen Konzerne in ihrem Durst nach Profit machen lieber mit Warlords, die sich der Sklavenarbeit bedienen, Geschäfte als mit funktionierenden Staaten! Sie setzen diese Warlords in den Stand, sich notfalls Kindersoldaten zu halten. Im Ost-Kongo, in Sierra Leone und Liberia u. a.. Wo es Bodenschätze gibt, ist das Warlord-Unwesen nicht fern, da wird man Kindersoldaten treffen. Die Ursachen, besser, die Verursacher sind nicht sichtbar, aber die Kindersoldaten! Ist Afrika nicht barbarisch?
Ja, genau wie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts! Da hatte man schon so viele Völkerschaften gegeneinandergehetzt, das Afrika von Gewalt überquoll, von der durch die Europäer erzeugten Gewalt. Gut, die arabisch-islamische Konkurrenz war auch nicht untätig, übrigens nicht selten durch europäische Händler bewaffnet. Und diese Konkurrenz passte gut in den Kram. Alle Gewalt konnte man ihr anlasten. Und vor ihr musste Afrika geschützt werden!
Es ging um die Ausweitung der Kolonialgebiete. Es ging darum, die Reste afrikanischer Eigenständigkeit und Souveränität zu zerstören. Es ging vorgeblich darum, die Seelen der Afrikaner zu retten.
Die neue alte Masche: Auch damals schafften es die Kolonialapologeten, die übrigen Menschen in ihren Ländern darüber hinweg zu täuschen, dass viele Probleme Afrikas mit dem bereits jahrhundertelangen Wirken Europas dort zusammen hingen. Das propagandistische Instrumentarium gleicht sich erschreckend. Allerdings ersetzt die “Sorge um das Seelenheil“ der Afrikaner heute ein abstrakter Begriff von Menschenwürde, den die westlichen Konzerne jedoch nicht teilen. Auch die arabische und islamische Bedrohung Afrikas kommt wieder ins Spiel. Gerne verschwiegen wird, dass auch der Nordsudan Darfur mit westlichen Waffen bedrängt. Und wenn die Bedrohung nicht groß genug ist, kann man sie noch etwas größer machen. In Nordnigeria haben die Saudis, die Verbündeten der USA, von jenen nicht kritisiert, heftig mit Geld gewühlt und frauenfeindliche Exzesse ermöglicht. Und wie auch damals im jeweiligen Kolonialland die Warnung half: “es kommen andere und nehmen uns dort was weg“, dient heute dem sozusagen vereinigten Westler auch China als Popanz.
Allerdings muss man die Umstände der großen Zahl der Menschen in den westlichen Ländern selbst gegenüber verschleiern, die einfachen Menschen finden Raub und Mord meist nicht so toll. Sie fühlen sich wohler im Bewusstsein, gute Menschen zu sein. Man muss ihnen das Elend zeigen und ihnen vermitteln, dass ihre eigenen Gesellschaften, also sie selbst dauernd Gutes tun. Her mit dem Elend!
Das Elend ist real: Es ist nicht zu bestreiten, dass es durchaus Organisationen unter den sogenannten Nichtregierungsorganisationen (non governmental organizations = NGOs) und auch Unterorganisationen der UN gibt, die im Einzelfall Segensreiches bewirken, zu viel gibt es tatsächlich an realem Elend. Krankheiten wie AIDS und Malaria, Hunger, Verletzte durch Bürgerkriege (besonders Landminenopfer) und ein deutlicher Mangel an schulischer Versorgung sind traurige Realitäten. Und manches Großmutterherz lässt sich durch wirkungsvoll ins Bild gesetzte große Kinderaugen aus einem dunklen Gesicht zu einer Opfergabe aus der kleinen Rente bewegen, um Leid zu lindern. Jean Ziegler, der große Schweizer, sagt: “Es kommt nicht darauf an, den Menschen der Dritten Welt mehr zu geben, sondern ihnen weniger zu stehlen! In seinem Buch “Das Imperium der Schande“
Die Farce der “Entwicklungspolitik“
Jahrzehnte westlicher Entwicklungspolitik sind nichts anderes als eine betrügerische Farce. Nicht nur, dass Deutschland seine vollmundig angekündigten 0,7 % des Bruttosozialprodukts an Hilfe nicht annähernd einlöst, die Fortsetzung der alten bundesdeutschen Hilfe ist weitgehend eine Verschleierung der Tatsache, dass sogenannte Entwicklungs-Politik vornehmlich Entwicklungsverhinderungs-Politik ist. Keinerlei wirkliche Entwicklung hat sie bewirkt. Es gibt keinen realen Willen, den Ländern der Dritten Welt zur Industrialisierung zu verhelfen. Es gibt stattdessen den Willen, ihnen ungebremsten Freihandel zu ihrem Nachteil aufzuzwingen, bei gleichzeitigem Schutz z. B. der eigenen Agrarerzeuger. Es gibt den grimmigen Willen, die vollständige Privatisierung auch in den Bereichen der öffentlichen Daseinsvorsorge zu erzwingen, wo sie sich nach der Unabhängigkeit gebildet hatte. Das Wirken der vom Westen dominierten Weltbank und der Welthandelsorganisation zielt eben darauf ab. Vollmundig werden dagegen in der UN Mileniums-Ziele verkündet. Ziele, die in den westlichen Ländern, da sie immer weiter “entgesellschaftlicht“, immer mehr privatisiert werden, sowieso nicht umgesetzt werden können.
Die Hilfe ist vor allem profitabel für die Helfer, junge Menschen, die Gerechtigkeit wollen, werden in nette Jobs eingebunden, sie kriegen das Gefühl, man kann in dieser Welt helfen, ohne sich mit Kapitalisten anzulegen, die braucht man ja für Spenden!
Hilfe, Hilfe, Hilfe! Und nur Barbarei! Die gilt es pausenlos zu zeigen, wohlbemerkt, nicht die eigene. Und da liegt es nahe, die afrikanische Souveränität endgültig zu demontieren. Auflagen von WWF und WTO sind selbstverständlich, Militäreinsätze westlicher Armeen die Rettung!
Heia Safari: So wird es nun als selbstverständlich hingenommen, dass die Bundeswehr auch in Afrika operiert. Damals wie heute aber war die Grundlage der kolonialen Mobilisierung der sorgsam gepflegte Eindruck: “ohne uns kriegen sie es einfach nicht gebacken“, und das, wo wir doch so viel helfen!
Falsch: durch die Mitwirkung des Westens oder besser, durch die von uns geduldeten kapitalistischen, militaristischen und geheimdienstlichen Exzesse des Westens kommen die Afrikanischen Gesellschaften nicht zu sich selbst.
Aber das wird sorgsam verhüllt. Und wichtig ist, dass man verhüllt, dass man jeweils die afrikanischen Völker als ganze Völker versklavt, man muss sie sorgsam trennen, in die bösen Männer, die verstockten alten Frauen, in die verantwortungslosen Mütter, die den ganzen Unsinn mitmachen, in die gefährlichen Jugendlichen, da bleiben nur die Kinder, rettet die Kinder! Kein Wunder, dass “Helfer“ sich dazu versteigen, die armen Kinder diesem bösen Kontinent zu entreißen! (wie unlängst die französischen “Helfer“ im Tschad versuchten)
Und wichtig ist, dass man die afrikanische Geschichte umschreibt. Es ist ganz klar, da die afrikanische Befreiung noch aussteht, wird es wieder Befreiungsbewegungen geben. Die muss man für die Öffentlichkeit ununterscheidbar machen von Warlord- und Banditenunwesen. Da liegt es auch nahe, sich eine der unabhängigsten, am wenigsten von Unterstützung bedachten Befreiungsgeschichten vorzuknöpfen, die eritreische Befreiung.
Die Geschichte wiederholt sich offenbar. Die Ausweitung fing mit Schutz an, Schutz für die eigenen Händler, für die eigenen Bürger. Frankreich praktiziert das ungeniert und ununterbrochen. Schutz für die armen Eingeborenen, Schutzverträge, Schutzgebiete, Friedensmissionen!
Es ist makaber, aber die Intellektuellen der westlichen Länder sind so auf die Erinnerung der Gräuel des Faschismus innerhalb Europas fixiert, dass sie ihr geschichtliches Gedächtnis gegenüber der kolonialen Vergangenheit verloren haben. Alle historische Sensibilität verengt sich auf Sensibilität Israel gegenüber. So sehr, dass man Israels rassistische Kolonialpolitik nicht sehen will. Afrika gegenüber braucht man kein schlechtes Gewissen zu haben, die Afrikaner haben ja selbst kein Gewissen!
In diesem Konzert spielt das Buch “Feuerherz“ mit, ebenso der Film, Protestieren wir dagegen, kämpfen wir dagegen. Aber verbeißen wir uns nicht, in dem wir das Symptom mit der Krankheit verwechseln.

Dieses Buch und dieser Film sind ein Wind aus dem Gesäß des modrigen, wiederauferstandenen Zombies, den man Kolonialismus nennt!

                                                                                              

                                                                                                Andreas Schlüter

16.4.08 16:31

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